Medentus - Vom dentalen Ich zum Wir

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß im Interview

Wachsende Anzahl Zahnärztinnen bringt Berufsstand fachliche Kompetenzen und personelle Ressourcen

In einer aktuellen Ausgabe der „Studien des Aachener Kompetenzzentrums fu?r Wissenschaftsgeschichte“ (Publikation Nr. 4) berichten Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß und Dr. med. dent. Gereon Schäfer, beide RWTH Aachen, u?ber „Die Entwicklung der zahnärztlichen Profession im wiedervereinigten Deutschland in genderspezifischer Perspektive“. Die Beiträge gehen zuru?ck auf eine Tagung an der Aachener Hochschule unter dem Thema (so auch der Buchtitel) „Gender schafft Wissen – Wissenschaft Gender?“. In den Beiträgen wird auch Bezug genommen auf Veröffentlichungen des Dentista Club, sie schließen ab unter der Überschrift „Initiativen und Perspektiven“ mit deutlich Raum fu?r den Verband der Zahnärztinnen.

In einem Interview des Verbands-Journals mit den beiden Autoren zur Einschätzung der deutlich steigenden Zahnärztinnen Zahlen und Beschreibung notwendiger Maßnahmen wird die Arbeit des Dentista Verbandes ausdru?cklich unterstu?tzt: „Ich finde, eine Organisation wie der Dentista Club war längst u?berfällig. Ich denke, Sie machen einen sehr guten Job“, sagte Dr. Schäfer. Prof. Groß sieht nicht zuletzt im Bereich der Wissenschaft Handlungsbedarf: „Der Vorstand der DGZMK z.B. ist sich der Bedeutung der sogenannten Frauenfrage bewusst.“ Er empfahl Kooperationen mit der DGZMK und „fu?hrenden zahnärztlichen Organisationen“.

„Feminisierung“ unpassender Begriff

Kritisch betrachtet wird der fu?r die steigende Anzahl an Zahnärztinnen oft gewählte Begriff der „Feminisierung“. Professor Groß: „Ich halte den Begriff, offen gestanden, eher fu?r einen Kampfbegriff. Er enthält wie die meisten „..isierungs“-Termini () ein gewisses Drohpotential, in dem er einen merklichen gesellschaftlichen Wandel ‚ideologisiert’.“ In Wahrheit könne man „von grundsätzlich gleichen Fähigkeiten und Qualifikationen von Männern und Frauen ausgehen; was also sollte aus dem Gleichgewicht geraten?“ Wu?nschenswert sei, dass sich mehr Zahnärztinnen berufspolitisch engagieren „nicht nur aus altruistischen Gru?nden.“ Ohne solches Einbringen wu?rden „Interessen und Bedu?rfnisse in den standespolitischen Aktivitäten nicht adäquat abgebildet.“ Auch an der Hochschule seien die Strukturen wenig kompatibel zu Bedu?rfnissen von Kolleginnen mit Familie, wie Dr. Schäfer im Hinblick auf Sitzungen, wissenschaftliche Kolloquien, Ringvorlesungen und viele andere Veranstaltungen vor allem an Abenden und Wochenenden sagt – eine terminliche Hu?rde, die fu?r familiär gebundene Personen schwerer zu u?berwinden sei. Prof. Groß empfiehlt dem Dentista Club, „sich ganz konsequent mit den zwischenzeitlich an vielen Universitäten etablierten Ressorts fu?r Gender und Gleichstellung zu vernetzen.“ Gleichzeitig warnt er den Berufsstand, aber auch die Zahnärztinnen selbst, heute noch wie vor 100 Jahren „vermeintliche spezifisch weibliche Sekundärtugenden von Zahnärztinnen wie Mitgefu?hl, Empathie, Sensibilität, Geduld oder Umsicht zu beschwören.“ Frauen blieben ansonsten in Fächern wie Chirurgie, Implantologie und Werkstoffkunde auch weiterhin unterrepräsentiert. Prof. Groß: „Durch den verstärkten Zustrom der Frauen in den Zahnarztberuf wachsen dem Berufsstand vor allem wichtige Kompetenzen und personelle Ressourcen zu, die aber nur dann optimal genutzt werden können, wenn man die Berufsbedingungen fu?r Frauen optimiert.“


Buch-Hinweis: Dominik Groß (Hrsg.), Gender schafft Wissen Wissenschaft Gender?“ ISBN 978-3-89958-449-3, kassel university press 2009

Pressekontakt: Birgit Dohlus, dental relations, T: 030 / 3082 4682, info@zahndienst.de

Das vollständige Interview

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß, Dr. med. dent. Gereon Schäfer (beide RWTH Aachen)

Herr Professor Groß: Sie haben sich mit Blick auf die ju?ngste Zeitgeschichte mit dem Thema Zahnärztinnen befasst - was war fu?r Sie der Auslöser?
 
Groß: Nun, eigentlich gab es zwei Auslöser: Zum einen bin ich mit einer Zahnärztin verheiratet. Wir haben zwei Kinder, meine Frau war als Zahnärztin in Stuttgart niedergelassen und fasste den Entschluss, ihre Praxis zu verkaufen, nachdem ich einen Ruf an die Medizinische Fakultät der RWTH Aachen erhalten hatte. Ihr ging es darum, die Familie zusammenzuhalten. Da bekommt man als Ehemann schon ein schlechtes Gewissen, denn meine Frau liebt ihren Beruf im Grunde nicht weniger als ich meinen… Zum anderen habe ich als Hochschullehrer seit Jahren Umgang mit Studierenden. Und dabei ist schwerlich zu u?bersehen, dass die Zahl weiblicher (Zahn-)Medizinstudierender kontinuierlich steigt. Im vergangenen Jahr waren an der Medizinischen Fakultät in Aachen 41 von 60 Zahnheilkunde-Absolventen und 158 von 270 Examinierten in der Medizin Frauen. Andererseits finden sich in den Karrierepositionen nach wie vor vornehmlich Männer, und das wird sich in absehbarer Zeit wohl nicht substantiell ändern. Auch hierfu?r geben die Aachener Zahlen einen deutlichen Hinweis: Unter den 16 Personen, die im letzten Jahr an unserer Fakultät die Habilitation abgeschlossen haben, befanden sich lediglich vier Frauen.

Haben Sie, nachdem Sie beide sich ausfu?hrlicher mit dem Thema befasst haben, den Eindruck, dass die zunehmende prozentuale Zahl an Zahnärztinnen die Zahnmedizin in Deutschland tatsächlich verändern wird?

Schäfer: Wenn ich jetzt die alten Klischees bedienen wollte, mu?sste ich auf die „weiblichen Sekundärtugenden“ rekurrieren und sagen: Ja, die Zahnheilkunde wird dank der wachsenden Zahl an Zahnärztinnen ein Stu?ck fu?rsorglicher werden, die Patienten du?rfen mehr Empathie erwarten, Kinder und ängstliche Patienten werden vom mu?tterlichen Wesen der Zahnärztinnen verstärkt profitieren. Ich hoffe aber, dass wir von diesen Stereotypien loskommen. Im Grunde kann heute niemand mehr diese genderspezifischen Zuschreibungen wollen – am wenigsten die Frauen.

Groß: Eben deshalb ist unsere Argumentation auch eine andere: Durch den verstärkten Zustrom der Frauen in den Zahnarztberuf wachsen dem Berufsstand vor allem wichtige fachliche Kompetenzen und personelle Ressourcen zu, die aber nur dann optimal genutzt werden können, wenn man die Berufsbedingungen fu?r Frauen optimiert. Dies gilt fu?r Zahnärztinnen mit dem Wunsch nach einer Praxisgru?ndung oder einer Angestelltentätigkeit ebenso wie fu?r standespolitische Fu?hrungspositionen oder – der derzeit größte „Problemfall“ – fu?r Frauen mit dem Ziel einer Hochschulkarriere. Voraussetzung sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die eine Vereinbarkeit von Familie und beruflicher Karriere gewährleisten. In diesem grundsätzlichen Bereich sehe ich erheblichen Nachholbedarf – oder positiv gewendet, ich bin ja Optimist – Entwicklungspotential.

Finden Sie eigentlich, dass "Feminisierung" ein gut gewählter Begriff fu?r die Entwicklung ist?

Groß: Absolut nicht. Ich halte ihn, offen gestanden, eher fu?r einen Kampfbegriff. Er enthält wie die meisten „...isierungs“ Termini (Technisierung, Radikalisierung etc.) ein gewisses Drohpotential, in dem er einen merklichen gesellschaftlichen Wandel „ideologisiert“. Ganz Ähnliches bewirkt m.E. die ebenfalls häufig verwendete Bezeichnung „weibliche Übermacht“: In beiden Fällen wird ein Ungleichgewicht suggeriert. Die Wahrheit ist dagegen, dass wir von grundsätzlich gleichen Fähigkeiten und Qualifikationen von Männern und Frauen ausgehen können; was also sollte aus dem Gleichgewicht geraten?

Schäfer: Auch ich wu?rde nicht von Feminisierung reden, sondern allenfalls davon, dass die Zahnheilkunde mehr als fru?her weiblich geprägt ist. Niemand käme doch auf die Idee, angesichts des zunehmenden Eintritts von Männern in den einst vornehmlich weiblich geprägten Pflegeberuf von einer „Virilisierung“ oder „Maskulinisierung“ der Pflege zu sprechen. Warum auch?

Mehr "Quote" bedeutet ja an sich auch "mehr Verantwortung" - mu?ssen sich Zahnärztinnen mehr engagieren fu?r ihren Berufsstand, u?ber die eigene Praxis hinaus? Und wenn ja - woran scheitet das meistens Ihrer Meinung nach?

Groß: Sagen wir so: Sie sollten sich tatsächlich mehr berufspolitisch engagieren – und nicht nur aus altruistischen Gru?nden. Bisher ist Standespolitik immer noch vornehmlich eine Politik von Männern fu?r Männer. Damit unterstelle ich niemandem niedere Beweggru?nde oder eine gezielte Bevorzugung des eigenen Geschlechts. Es liegt einfach nahe, die eigene (männlich geprägte) Erfahrungswelt bei allen Handlungen und Entscheidungen zugrunde zu legen. Das ist in der Berufspolitik nicht anders als in sonstigen Bereichen des Lebens. Solange Frauen nur selten nach standespolitischen Ämtern streben – und es gibt eindeutige Hinweise, dass dies so ist – werden auch genderspezifische Interessen und Bedu?rfnisse in den standespolitischen Aktivitäten nicht adäquat abgebildet sein. Warum aber streben Frauen offensichtlich nicht nach berufspolitischem Erfolg? Nun, weil sie weit häufiger als Männer den alltäglichen Spagat zwischen Beruf (Praxis) und Familie bewältigen mu?ssen und die wertvolle Ressource Zeit dort einsparen, wo dies prima vista am verzeihlichsten erscheint: im berufspolitischen Engagement.

Fu?hrt die Entwicklung zu mehr Zahnärztinnen auch zu Veränderungen der Anteile Zahnärzte/Zahnärztinnen in Forschung und Lehre an den Hochschulen? Muss sich auch die Wissenschaft verändern?

Schäfer: Der stark gestiegene Frauenanteil bei den Studierenden und Absolventen der Zahnmedizin schlägt sich derzeit noch nicht in den wissenschaftlichen Karrieren nieder: Der Frauenanteil sinkt, je höher man in der universitären Hierarchie steigt. Die große Hu?rde stellt dabei offensichtlich die Habilitation dar. Sie verlangt das Engagement der gesamten Person und erfordert deutlich mehr als die typische „volle Arbeitskraft“. Ohne die Unterstu?tzung des privaten Umfeldes und soziale „Auffangnetze“ lässt sich das kaum stemmen. Der gesamte Wissenschaftsbetrieb bevorzugt derzeit Personen, die ihre Zeit vollumfänglich der Karriere widmen können. Viele Arbeitsverträge sind auf Vollzeitarbeit angelegt, und die vertraglich festgelegten Wochenarbeitszeiten werden in der Regel u?bererfu?llt: Viele wichtige Sitzungen, wissenschaftliche Kolloquien und Ringvorlesungen finden an den Abenden statt, wissenschaftliche Symposien, Workshops und Weiterbildungen oftmals an den Wochenenden. Auslandsaufenthalte sind im Lebenslauf heutzutage ebenso zwingend wie Publikationen in internationalen fremdsprachigen Journals. Zeitlich und räumlich flexible Nachwuchswissenschaftler können sich in diesen Bereichen natu?rlich eher bzw. leichter qualifizieren und Sprachbarrieren u?berwinden als familiär gebundene Personen. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern…

In Ihrer gemeinsamen Veröffentlichung zitieren Sie auch Publikationen des Dentista Clubs - das ist ja die erste öffentliche Organisation fu?r Zahnärztinnen, der Ausschuss der BZÄK ist je eine Gruppe Delegierter. Finden Sie es richtig, dass es so einen Verband gibt? Was gefällt Ihnen - was mu?sste noch mehr passieren, Ihrer Ansicht nach?

Schäfer: Ich finde, eine Organisation wie der Dentista Club war längst u?berfällig. Ich denke, Sie machen einen sehr guten Job, der auch zunehmend an den Universitäten – und das ist ja nun einmal meine vorrangige Perspektive – wahrgenommen wird.

Groß: Das sehe ich auch so. Was noch passieren mu?sste? Ich wu?rde dazu raten, sich ganz konsequent mit den zwischenzeitlich an vielen Universitäten etablierten Ressorts fu?r Gender und Gleichstellung zu vernetzen. An der RWTH Aachen wurde z.B. direkt im Rektorat eine Stabstelle Gender & Diversity eingerichtet, die sehr stark – nach innen und nach außen – wahrgenommen wird. Sie hat z.B. Mentoringprogramme wie TANDEMmed und TANDEMplusMED aufgelegt, in die auch mein Lehrstuhl eingebunden ist. Damit werden bereits Studentinnen ab dem 7. Fachsemester bei ersten Weichenstellungen im Hinblick auf eine spätere Karriere unterstu?tzt. Hier du?rfte der Dentista Club Synergien erwarten. Und dann wu?rde ich empfehlen, sich konsequent bei den fu?hrenden zahnärztlichen Organisationen lästig zu machen bzw. Koorperationen zu vereinbaren: Der Vorstand der DGZMK z.B. ist sich der Bedeutung der sogenannten Frauenfrage bewusst. Und es wäre sicher auch hilf- und aussichtreich, der APW konkrete genderspezifische Hinweise fu?r die optimale Ausgestaltung des Fortbildungsangebotes zu unterbreiten.

Beiträge Dominik Groß und Kollegen zur Frauenfrage in der Zahnheilkunde aus Sicht der Geschichte der Medizin:
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