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PRAXISFÜHRUNG
Gibt es Unterschiede in der zahnärztlichen Praxisführung? Das war die Fragestellung im zweiten Block der Veranstaltung. Hinsichtlich wirtschaftlicher Daten verwies Dr. David Klingenberger/IDZ auf unterschiedliches Investitionsverhalten von Zahnärztinnen und Zahnärzten. Es habe sich gezeigt, dass Zahnärztinnen anders als Zahnärzte nach Erreichen einer Konsolidierungsphase seltener in eine Praxiserweiterung investierten, sondern eher dazu neigten, den Status zu erhalten. Offenbar reagierten Zahnärztinnen und Zahnärzte in unternehmerischer Hinsicht anders – Zahnärztinnen seien offenbar bestandswahrender und mit ihrer Situation zufriedener als ihre expansionsinteressierten, aber auch finanzielle Risiken eingehenden männlichen Kollegen. Deutlich niedriger als bei den Zahnärzten läge das Einkommenssaldo bei Spezialisierungen – beim Arbeitsschwerpunkt Kinderzahnheilkunde erreichten Frauen 36 % des Einnahmensaldos von Männern, beim Arbeitsschwerpunkt Prothetik 48 % und bei Prophylaxe 65 %. Zahnärztinnen neigten zudem zu deutlich weniger lukrativen Arbeitsschwerpunkten. Hinsichtlich des Personals seien die Praxen von Zahnärztinnen nicht geringer ausgestattet als die von Zahnärzten – allerdings zeige sich bei Zahnärztinnen eine höhere Personalfluktuation im Vergleich zu den Praxen der Zahnärzte (58,6 % : 36,7 % im Zeitraum 2002 - 2004). Dr. Klingenberger: „Eine hohe Personalfluktuation ist Gift für den Praxisumsatz!“ In der Diskussion zeigte sich, dass bei fast identischen Arbeitszeiten Zahnärztinnen eine geringere Scheinzahl aufwiesen, offenbar, so Dr. Klingenberger, investierten Frauen mehr Zeit in ihre Patienten, die Zahnarztstunde bei Männern sei daher teurer als bei Frauen.
JURISTISCHE ASPEKTE
Aus juristischer Sicht stellt sich mit Blick auf Geschlechterunterschiede in der Praxisführung beispielsweise das Thema Umgang mit unwilligen Patienten, wie RA Dr. Müller/Stuttgart zeigte. Die therapeutische Aufklärung diene dazu, den Erfolg einer medizinischen Behandlung bei einem Patienten durch begleitende Maßnahmen und Verhaltensmaßregeln sicher zu stellen. „Frauen können weitaus schlechter Nein sagen als Männer und bevorzugen ein diplomatisches Vorgehen bei Eskalationen“, meinte die Medizinrechtlerin und informiert die Teilnehmer, unter welchen Umständen eine Behandlung auch abgebrochen werden könne. Bei „krassen Verläufen einer Behandlung“ sei eine ausführliche Dokumentation noch wichtiger als ohnehin schon, aber, motivierte sie: „Haben Sie keine Angst vor einem Behandlungsabbruch. Machen Sie sich zu eigen: Bis hier hin – und nicht weiter!“ In ihrer auf Medizinrecht spezialisierten Praxis gebe es Behandlungsfehlerklagen vor allem gegen männliche Zahnärzte: „Frauen halten sich vielleicht mehr an die Regeln?“
Hinsichtlich geschlechterspezifischer Aspekte in der Zahnmedizin bestehe noch keine Aufklärungspflicht, da das Wissen noch „in den Kinderschuhen“ stecke und nicht leitliniendefiniert sei.
FORSCHUNG UND LEHRE
Das Thema „Praxis“ auf anderer Ebene beleuchtete PD Dr. Margrit-Ann Geibel/Universität Ulm anhand einer Studie unter dem Titel „Physische Attraktivität und Lehrerfolg: Genderforschung in der Evaluation der universitären Lehre“. Bei der Bewilligung von Lehrveranstaltungen und entsprechender finanzieller Ausstattung werde zugrunde gelegt, wie Studenten ihre Dozenten evaluierten. Es sei untersucht worden, ob dies ein relevantes Auswahlkriterium sein kann. Bekanntermaßen würden attraktiven Menschen Fehler eher nachgesehen, die Studie habe gezeigt, dass dies auch in der Lehre der Fall ist, sofern die Lehrenden männlich sind: Attraktive Dozenten hatten die besten Bewertungen erhalten – im Gegensatz zu attraktiven Frauen, deren Aussehen mit wenig Fachkompetenz verbunden wurde. Dr. Geibel plädierte für eine kritische Überprüfung der bestehenden Kriterien für die Vergabe von Forschungsmitteln hin zu einer leistungsabhängigen Bewertung. Unterstützt wurde dies in der Diskussion von Prof. Dr. mult. Dominik Groß/Aachen, der ebenfalls eine leistungsorientierte Mittelvergabe, gebunden an den Lehrerfolg und dem Zugewinn an Wissen seitens der Studenten, begrüßen würde.
PRAXISEINRICHTUNG
Was die Praxisarchitektur angeht, sah Gast-Referent Giorgio Nocera/Henry Schein (Premiumsponsor des Symposiums) keine erheblichen Unterschiede zwischen Zahnärztinnen und Zahnärzten – Modefarben wie Berry seien bei beiden Geschlechtern beliebt. Diese Ähnlichkeit könne aber auch daher rühren, dass Zahnärzte anders als Zahnärztinnen zur Beratung hinsichtlich der Praxisgestaltung oft „die bessere Hälfte mitbringen.“ Tendenziell neigten Zahnärztinnen eher zu feineren und Zahnärzte eher zu kräftigen Farben – allerdings sei es sinnvoll, die Farbe als „Ton“ einer Praxis dem eigenen
Temperament anzugleichen: Eine eher zarte Persönlichkeit in kräftigen Farbtönen wirke „im wahrsten Sinne des Wortes fehl am Platz.“ Interessant sei das unterschiedliche Interesse an Design, nicht zuletzt beim Praxiseingang: „Unter Feng-Shui Gesichtspunkten ist der Eingang der ‚Mund’ deines Hauses – was Zahnärzte als stylish empfinden, wirkt auf weibliche Patienten oft kalt und abweisend.“ Mit kleinen Kniffen könne man für Patientinnen den Praxisaufenthalt angenehmer machen ein Gefühl des Willkommens vermitteln, beispielsweise mit einer Handtaschenablage im Patienten-WC. Was die männlichen Patienten betrifft, lege er den Zahnärztinnen mit Neigung zur Ton-in-Ton-Gestaltung nahe: „Machen Sie es den Männern nicht zu warm in den Farben!“
Zahnersatz AUS INTERNATIONALER PRODUKTION
Wie sich bei international produziertem Zahnersatz die Nachfrage von Patientinnen und Patienten unterscheidet, hatte das Unternehmen dentaltrade (Gold-Sponsor des Symposiums) im Vorfeld der Tagung untersucht. Zur eigenen Überraschung, berichtete Vertriebsleiter Thomas Schröder, habe man einen leichten Vorsprung der Nachfrage seitens der Patienten gefunden, erwartet habe man eher eine höhere Nachfrage seitens der Patientinnen. Zwar unterscheide sich bei männlichen und weiblichen Patienten die Priorität hinsichtlich der Erwartungen an Prothetik (Frauen: mehr Gewicht auf Ästhetik, Männern: mehr Gewicht auf Funktion) – es zeige sich aber, dass es keinen Unterschied bei der Frage der Bezahlbarkeit von Prothetik gebe: Hier schauten Männer und Frauen gleichermaßen auf die Kosten. Dr. Karina Schultz/Allstedt ergänzte den Beitrag mit Daten aus einer IDZ-Studie, die bei Zahnärztinnen mehr Patienten aus den eher niedrigen bis mittleren Einkommensklassen gesehen hatte als bei den Zahnärzten – die Frage der Finanzierbarkeit von Zahnersatz spiele erwartungsgemäß bei dieser Patientenklientel eine tragende Rolle.
